Herausforderung Großbauprojekt
FOUR Frankfurt – 4 Türme, 1 Quartier
Jochen Krumb, Niederlassungsleiter der Technischen Prüfstelle Darmstadt bei VdS, gibt in seinem Fachartikel Einblicke in die spezifischen Brandschutzanforderungen.
Text: Jochen Krumb und Verena Schön, VdS Schadenverhütung GmbH (S&S Report 2/25, Download)
Fotos: FOUR Frankfurt, 4frankfurt.de
Bereits die Prüfung verhältnismäßig überschaubarer Bauprojekte fordert Akribie, Erfahrung und den sicheren Umgang mit den einschlägigen Regelwerken. Bei einem Großprojekt wie FOUR Frankfurt wachsen diese Herausforderungen nicht nur linear, sondern schon die Koordination zahlreicher Beteiligter und sich asynchron entwickelnder Abläufe schafft eine komplexe Situation, die sich in allen Teilaufgaben widerspiegelt. Dieser Beitrag soll Gelegenheit geben, den Prüferinnen und Prüfern der Technischen Prüfstelle bei der Arbeit an diesem hochinteressanten Leuchtturmprojekt über die Schulter zu blicken.

Standort und historische Entwicklung
Das Areal, auf dem FOUR Frankfurt entsteht, liegt im Zentrum von Frankfurt am Main in einem Dreieck, das von der Junghofstraße, der Großen Gallusstraße und der Neu-en Schlesingergasse markiert wird.
Im 17. Jahrhundert befand sich hier der Rossmarkt, in der Folge entwickelte und änderte sich die städtische Bebauung immer wieder, bis schließlich nach langjähriger Nutzung durch die Deutsche Bank der Projektentwickler Groß & Partner im Jahr 2015 das Areal erwarb. 2018 begann dann der Bau des neuen Quartiers mit dem Abriss der vorhandenen Bebauung. Ab 2019 folgten die Tiefbauarbeiten und 2022 wurde mit dem Hochbau begonnen.
Im Rahmen des Projekts entstehen vier Türme, die in Form von Büroflächen, Wohnungen, Hotelbetrieben und wohnortnaher Infrastruktur genutzt werden sollen. Eine allzu überwältigende Wuchtigkeit des Ensembles wird durch die gestaffelte Höhe der Türme vermieden: Mit 100, 120, 178 und 233 m wird der Komplex in der Skyline einen markanten, aber dennoch lockeren Eindruck erzeugen.
Die Namen der Türme– Aer, Ignis, Terra und Aqua – sind die lateinischen Bezeichnungen der vier alchimistischen Elemente Luft, Feuer, Erde und Wasser, aus denen nach Überzeugung unserer Vorfahren alles in unserer Lebenswelt bestand – ein Sinnbild für den hier entstehenden Mikrokosmos, in dem sich von der Arbeit bis zur Freizeit der gesamte Alltag abspielen kann.
Technische Merkmale
Welche Dimensionen das Projekt erreicht, wird schon anhand weniger Zahlen deutlich: Die Geschossfläche erreicht ohne Technikräume insgesamt 213.000 m2, davon entfallen 115.200 m2 auf Büroflächen, 63.700 m2 auf Wohnflächen und 20.500 m2 auf Hotelflächen. Hinzu kommen etwa 6.600 m2 für Gastronomie und Handel sowie ca. 6.200 m2 an sonstigen Flächen. Die einzelnen Türme T1 bis T4 haben 55, 48, 31 und 25 Vollgeschosse, der Gebäudesockel ist fünf- bis sechsgeschossig aufgebaut, darunter liegen noch vier Untergeschosse.
Entsprechend umfangreich sind die Anforderungen an den Brandschutz, die bei einer solchen Baumaßnahme die Brandschutzplanung und die erforderlichen Prüfungen zu einer hochkomplexen Aufgabe machen. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider, die wir in der Tabelle unten zusammengefasst haben.

Vorschriften und Richtlinien
Um einen Eindruck davon zu verschaffen, wie komplex diese Aufgabe tatsächlich ist, lohnt sich ein Blick auf die für das Projekt einschlägigen Regelwerke.
Zu beachten sind bei der Errichtung der Gebäude zunächst eine Reihe von Vorschriften, die die baurechtlichen Prüfgrundlagen bilden. Dazu zählen:
- Hessische Bauordnung (HBO)/(H-VV TB)
- Sonderbauvorschriften (H-HHR)
- Technische Prüfverordnung (TPrüV)
- Hessische Prüfberechtigten- und Prüfsachverständigenverordnung (HPPVO)
- Baugenehmigungen
- Brandschutzkonzepte
Hinzu kommen spezifische Richtlinien für die Brandschutzeinrichtungen. Dazu zählen:
Für Sprinkleranlagen
- VdS CEA 4001 : 2018-01 (06) plus Ausnahmegenehmigungen
Für Wandhydrantenanlagen
- DIN 1988 (Teil 600)/ DIN EN 1717
- DIN 14462 + Bauteilnormen
Für Sauerstoffreduzierungsanlagen
- VdS 3527 : 2021-11 (04) plus
Anlagenhandbuch des Errichters
- DGUV Information 205-006
Für Küchenschutzanlagen
- DIN EN 16282-7 plus Produkthandbuch des Errichters
- DGUV Regel 110-003
Dabei sind nach den einzelnen Regelwerken zahlreiche Detailbestimmungen zu beachten. Beispielhaft wesentliche Regelungsbereiche in der VdS CEA 4001 : 2018-01 (06):
- Umfang des Sprinklerschutzes
- Wasserversorgung
- Überwachung
- Abstände und Anordnung der Sprinkler
- Anforderungen an mehrgeschossige Gebäude, die in Zonen unterteilt sind
- Besondere Anforderungen an Hochhausanlagen
- ANG PN 40
- ANG Sprinkler PN 16
- Inbetriebnahme- und Abnahmeprüfungen ...
In der DIN 14462 finden sich unter anderem Vorschriften zu
- Auslegung der Anlage
- Aufbau Rohrnetz
- Wasserversorgung
- Druckregelung
- Spezifische Anforderungen Löschwasseranlage „nass“
- Inbetriebnahme- und Abnahmeprüfungen ...
Die VdS 3527 : 2021-11 (04) stellt Anforderungen an
- Auslegung der Anlage
- Aufbau Rohrnetz
- Branderkennung
- Steuer- und Regeleinrichtungen
- Personenschutz
- Inbetriebnahme- und Abnahmeprüfungen ...
Die DIN EN 16282-7 : 2017-12 als weiteres Beispiel mit Regelungen zu
- Brandgefahr/Brandlast 0 Installation der Anlage
- Sicherheitstechnische Anforderungen
- Hygieneanforderungen
- Inspektion
- Inbetriebnahme und Unterweisungen ...

Termine und Zeitbedarf
Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, und natürlich braucht auch solch ein Großprojekt wie das FOUR Frankfurt einige Jahre, bis es bezugsfertig steht.
Koordination
Neben der schieren Größe des Bauvorhabens ist die Koordination der Beteiligten eine zeitraubende Aufgabe. Um etwa die Sprinkler und Hydranten in den vier Türmen, im Gebäudesockel und den Untergeschossen zu installieren, sind und waren drei verschiedene Errichterfirmen auf der Baustelle tätig. Mit ihnen, den Behörden und der Bauleitung ist ständiger Kontakt nötig. Hinzu kommen Errichter der weiteren Brandschutzgewerke wie Sauerstoffreduzierungsanlagen und Küchenlöschanlagen.
Brandschutzanlagen existieren zudem nicht unabhängig im freien Raum, sondern es müssen Schnitt-stellen beispielsweise zur Mess-, Steuer- und Regelungstechnik (MSR) des Gebäudes oder zu Brandmeldeanlagen definiert und geprüft werden. Außerdem ist die Einrichtung von Wasser- und Stromversorgung mit den zuständigen Fachfirmen abzustimmen.
Zugleich mussten die Prüfer weitere Beteiligte ins Boot holen und auf dem Laufenden halten. Dazu zählt beispielsweise das VdS-Labor und natürlich auch das Backoffice der Technischen Prüfstelle.
Zeitaufwand
Der erste Besprechungstermin, den die Technische Prüfstelle wahr-nahm, fand am 31. Januar 2017 statt. Seit dem Beginn der Hochbauarbeiten im Jahr 2022 waren und sind insgesamt fünf Prüfer in unter-schiedlichem Umfang und unterschiedlich oft eingebunden. Alles in allem investierte die Technische Prüfstelle bis Ende 2024 mehr als 2.000 Arbeitsstunden in das Projekt. Bis zur schlüsselfertigen Über-gabe werden noch zahlreiche Stunden hinzukommen.
Doch auch dann ist die Prüftätigkeit nicht beendet. Je nach Nutzung der Räume werden durch Mieter veranlasste oder mit Mietern vereinbarte Ausbauten erfolgen, die Auswirkungen auf die Brandschutzplanung haben können. Deshalb ist mit Prüftätigkeiten bis 2027 zu rechnen – damit wären 10 Jahre Projektbegleitung erreicht. Dabei noch nicht berücksichtigt sind die im Dreijahresrhythmus wiederkehrenden Prüfungen, die die TPrüV verlangt.
Neben den zahlreichen Arbeitsstunden fallen in der Technischen Prüfstelle übrigens auch erhebliche Datenmengen an, die angelegt, gepflegt und mit hohen Anforderungen an die Datensicherheit archiviert werden wollen. So auch hier: Bis Ende 2024 hatten sich für das Projekt FOUR Frankfurt bereits ca. 40 Gigabyte an Daten in etwa 6.100 Dateien angesammelt.

Fazit
Eine Aufgabe wie die baubegleiten-de Brandschutzprüfung und -abnahme bei dem vorgestellten Großprojekt erfordert eine erhebliche Manpower und einen großen Zeit-aufwand. Nicht zuletzt aber auch langjährige Erfahrung, exakte und routinierte Kenntnis der Regelwerke und ihrer praktischen Anwendung sowie ein hohes Maß an Expertise.
Mit diesem Rüstzeug war es der Technischen Prüfstelle von VdS in ihrer Niederlassung Darmstadt möglich, das FOUR Frankfurt durch die komplexe Bauphase zu begleiten.
Nach der erfolgreichen Fertigstellung des Hochbaus im Jahr 2025 wird der Gebäudekomplex nach und nach mit Leben erfüllt und zu einem vitalen Wohn- und Arbeitsquartier werden. Dass dies mit größtmöglichem Maß an Sicherheit für die Bewohner und Gäste geschieht, ist auch der gelungenen Umsetzung des Brandschutzkonzepts zu verdanken.
